Informationsveranstaltung Wechselmodell: Was ist das Beste für Kinder nach der Trennung/Scheidung der Eltern?

23. November 2015 | Frauenpolitik / Gleichstellung

Die Betreuung von Kindern nach einer Trennung/Scheidung der Eltern bewegt Familien weltweit. Auf europäischer Ebene rückte dieses Thema durch die Resolution der Parlamentarischen Versammlung des Europarats Anfang Oktober 2015 besonders in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Darin wird gefordert, die Doppelresidenz, auch Wechselmodell genannt, als Standardmodell festzulegen.

Die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl, Mitglied im Ausschuss für die Gleichberechtigung der Geschlechter, nahm die aktuelle europäische Diskussion zum Anlass, über diese Thematik in einer Veranstaltung im Kulturzentrum Trudering zu informieren.

Wechselmodell_ Bild I von links: Maria Noichl, MdEP; Prof. Dr. Hildegund Sünderhauf-Kravets

Hauptreferentin an diesem Abend war Frau Prof. Dr. Sünderhauf - Kravets, Evangelische Hochschule Nürnberg, die mit ihrem Buch „Wechselmodell: Psychologie-Recht-Praxis“ dieses Thema im Jahr 2013 erstmals wissenschaftlich und praxisorientiert erörterte.

Als klassisches Betreuungsmodell in Deutschland mit 47,1 Prozent gilt das sogenannte Residenzmodell, lediglich 8,2 Prozent der Kinder getrennt lebender Eltern werden im paritätischen Wechselmodell bereut. Das bedeutet, sie wohnen abwechselnd bei Vater und Mutter, z.B. im wöchentlichen Wechsel. Anhand internationaler Studien und Forschungen zeigte Sünderhauf - Kravets auf, welches Betreuungsmodell für das Kindeswohl am geeignetsten sei. Das Leben in der Kernfamilie war für Kinder in allen Umfragen die beste Lösung, gefolgt vom Wechselmodell.

Sie klärte jedoch auch über die unverzichtbaren Voraussetzungen für die Doppelresidenz auf: beide Elternteile müssen „fit & loving“ sein, die Wohnortnähe beider Elternteile muss gegeben sein, es braucht kompatible Arbeitszeiten, geeigneter Wohnraum für Kinder muss vorhanden sein und die Kinder müssen grundsätzlich bereit sein, dieses Modell leben zu wollen. „Die Ergebnisse der psychologischen Forschung deuten darauf hin, dass ein Wechselmodell im Regelfall die beste Betreuung für Kinder getrenntlebender Eltern ist. Dennoch ist das Wechselmodell keine Lösung für alle und bleibt immer einer Einzelfallprüfung vorbehalten. Der deutsche Gesetzgeber ist nun unter Zugzwang, “ so Sünderhauf - Kravets.

Wechselmodell_ Bild IV

Josef A. Mohr, Fachanwalt für Familienrecht sprach als weiterer Podiumsteilnehmer über die Vorteile des Wechselmodells. Einen Vorteil sah er z.B. darin, dass durch die gerichtlich angeordnete Doppelresidenz kein Elternteil eine elterliche Vorrangstellung bekäme. Somit trage dies schon präventiv zur Verminderung des Konfliktstrebens von Eltern bei.

Cornelia Spachtholz, Vorstandsvorsitzende des Verbands berufstätiger Mütter e. V. (VBM) sprach sich für eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung, sowohl während der Beziehung als auch nach einer Trennung, aus. „Den Müttern mehr Karriere, den Vätern mehr Familie!“ forderte Spachtholz in ihrem Statement. Markus Witt, Vorstandsmitglied im Verein Väteraufbruch für Kinder e. V (VAfK) sprach sich deutlich für das Wechselmodell aus: „Die Paritätische Doppelresidenz ist die natürlichste Betreuungsform für Kinder nach einer Trennung – sie haben Mama und Papa, die sie beide lieben. Die Vorbehalte in Deutschland gegen die Paritätische Doppelresidenz entbehren überwiegend jeglicher Grundlage – sie sind ideologische geprägt.“

Hans Engelmayer, Vater im Wechsel-Modell berichtete aus der Praxis, die möglichen Hindernisse im Alltag sowie über nicht bestätigte Vorurteile, die sich hartnäckig in den Köpfen vieler hielten. „Meine Töchter sind bei mir und bei der Mutter in zwei ihnen gleichermaßen vertrauten Lebensräumen zuhause. Das ist ihre Normalität. Wie bei Millionen anderen Trennungskindern auch," so Engelmayer in seinem persönlichen Statement.

Für Markus Witt hat die derzeitige Gesetzeslage zudem einen klaren Nachteil: „Wer sich das Kind schnappt und unkooperativ ist, gewinnt!“ Damit die Doppelresidenz auch gesetzlich verankert werden könne, forderte Josef A. Mohr daher als ersten Schritt einen Wechsel des eigenen Horizonts, wenn es um die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ginge.

Maria Noichl, MdEP, schloss die Veranstaltung nach einer angeregten und auch kontroversen Diskussion mit einem Blick auf die europäischen Gesetzeslage im Hinblick auf die Doppelresidenzpflicht: „Die Väterrolle hat sich in Europa deutlich verändert, man kann sagen, neu definiert. Deutschland ist Schlusslicht wenn es darum geht, diese Veränderung auch nach gescheiterten Partnerschaften gesetzlich abzubilden. Es wird Zeit, dass sich auch bei uns die Weichen neu stellen“.

Wechselmodell_ Bild III Bild (von links): Josef A. Mohr (Fachanwalt für Familienrecht); Prof.Dr. Hildegund Sünderhauf-Kravets (Evangelische Hochschule Nürnberg); Maria Noichl, MdEP; Markus Witt (Verein Väteraufbruch für Kinder e. V. VAfK); Cornelia Spachtholz (Verband berufstätiger Mütter e. V. VBM); Hans Engelmayer (Vater)

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